Bondo mia cara - Stiftung Ferien im Baudenkmal

Bondo mia cara

Ferien im Bergell? Nun, mit dem Team unseres Themenheftes besuchen wir Bondo, feiern das Neue und loben das Alte.

Text: Axel Simon, Bild: Studio Gataric

Vor dem Fenster streuen sich Apfel- und Nussbäume über eine grosse Wiese. ISOS-geschützt ist die Wiese aber wegen des Blicks aus der anderen Richtung: weil sie den Dorfkern von Bondo «ablesbar» macht. Jenseits der Bäume Einfamilienhäuser, wie überall. ‹Clavera› heisst das Baufeld aus den 1970er-Jahren viel zu poetisch. Der Bergsturz 2017 hat einige der Einfamilienhäuser beschädigt, andere brach die Gemeinde für den neuen Schutzwall ab. Es hatte einen Grund, warum dieser Zwickel zwischen den Flüssen Bondasca und Maira jahrhundertelang nicht bebaut worden war –und es war nicht die Ablesbarkeit eines Dorfkerns.

Die Casa Malussi steht am Dorfrand von Bondo. Links im Bild der Flussraum der Bondasca mit den neuen Schutzbauten.

Hinter unserer Wiese sehen wir auf die Rückseite dieses Schutzwalls. Bruchsteinmauern umfassen Gartenterrassen, zuoberst der Promenadenweg. Unnötig findet ein Nachbar Terrassen und Promenade, zu teuer. Aber die meisten Bergeller stehen hinter den aufwändigen Schutzbauten. Die Fachwelt, also wir, sind sowieso ganz begeistert. Das Themenheft ‹Bondo vs. Cengalo›, dessen Erscheinen wir hier mit unserem Team feiern, lobt die virtuose Verbindung der Massstäbe: Zum Dorf hin die sorgfältig gemauerten Steinmauern, auf der Wasserseite Wuhren aus tonnenschweren Felsbrocken, die der Piz Cengalo gen Tal rollen lies. Heute feiert Bondo seine neuen Wälle, Mauern und Brücken. Der Blick aus unserem Fenster erzählt die ganze Geschichte.

Ein strenges Haus

Unser Haus hat uns die Stiftung Ferien im Baudenkmal für ein paar Tage überlassen. Die Casa Malussi ist das älteste Haus im Dorf und ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung. Seine Adresse, die Gassa Varlin, ehrt den berühmten Maler, der im Haus nebenan wohnte. Zusammen mit der Kirche war «unser» Haus das einzige, dass nach 1621 noch stand. Wir lernen: Während der «Bündner Wirren» (1618–1639) im Dreissigjährigen Krieg besetzten die Spanier aus strategischen Gründen das Bergell, plünderten und brandschatzten. Die Fratzen aus Stein, die über unserem Eingang und an der Seitenfassade vor Unheil schützen, haben jedenfalls genützt. Auch 1522 steht dort, das Baujahr. Streng ist das Haus, verglichen mit den spielerischen Fassaden drüben in Promontogno. Dort lebten die Händler, in Bondo die Bauern und Handwerker. Der grossartige Salis-Palazzo, auf den man aus den seitlichen Fenstern blickt, kam erst anderthalb Jahrhunderte später dazu. Sein ummauerter Garten richtet sich nach Italien. Im Eingangshof steht ein alter Buckelvolvo.

Im überwölbten Eingangsbereich besteht der Boden noch aus der ursprünglichen Kopfsteinpflästerung.

Marco Ganzoni ist auf einen Kaffee vorbeigekommen. Der junge Architekt aus dem Büro Iseppi Ganzoni in Thusis hat das Haus 2021 umgebaut, begleitet von der Stiftung. Der Umbau sei vor allem ein Rückbau gewesen, sagt er. Ortsansässige Handwerker entfernten mehrere Schichten. Heute rätselt wir, welches Bauteil wohl wie alt ist: Der Boden aus runden Kopfsteinen in der Eingangshalle? Die Decke der getäferten Stube? Der Specksteinofen? Wir kochen an der modernen Kücheninsel unter einem 500jährigen Gewölbe. In einem weiteren Gewölberaum essen wir an einem grossen Tisch aus Kastanienholz, vom Architekten entworfen. Ein dritter dient uns als kleines Homeoffice. Das Bergell ist bei der Stiftung Ferien im Baudenkmal gut vertreten: Am Hauptplatz in Bondo gibt es ein zweites grosses Haus, in Stampa, etwas talaufwärts, ein drittes.

Neben der Stube liegt die gewölbte Speisekammer, die Säla, heute das Esszimmer.

Heimat weiterbauen

Marco Ganzoni kommt aus Bondo, dem Dorf mit weniger als 200 Einwohnern. Sein Urgrossvater war Architekt. Marco ging in ein Schulhaus, das dieser am gegenüberliegenden Ufer der Bondasca gebaut hat. Heute dient das Gebäude als Bergeller Gemeindehaus. Am 23. August 2017, dem Morgen des Bergsturzes, war Marco in seinem Heimatdorf. Die Bilder des ersten Murganges sah er auf dem Weg zurück nach Winterthur, wo er Architektur studierte. Kurzentschlossen änderte er das Thema seiner Abschlussthesis, das er am Nachmittag vorstellte: Der Wiederaufbau von Bondo. Seine Arbeit steht in der Bibliothek der Casa Malussi – und sie wurde jedem Teilnehmenden des Wettbewerbs mitgegeben, in dessen Jury auch Marco sass. 2018 hatte er ausserdem Pro Bondo mitgegründet, ein Verein, der den Dialog zwischen der Bevölkerung und den Behörden und Institutionen fördern möchte. Und der eines der berühmten Crotti in Promontogno kaufte, gleich am Fusse der neuen Brücke ‹Punt›. Der Verein baute es um und verpachtet es nun an Frauen, die dort eine Gastwirtschaft betreiben.

Beim sanften Umbau wurden sämtliche Holzarbeiten und -möbel vom Schreinereibetrieb der Hauseigentümer ausgeführt, die restlichen Arbeiten von einheimischen Unternehmern aus dem Bergell.

So stossen wir am Abend nicht nur auf die neuen Schutzbauten und unser Themenheft an, sondern auch auf Pro Bondo und Ferien im Baudenkmal. Denn nicht zuletzt durch solche Initiativen bleibt ein Dorf wie dieses für seine Bewohnenden lebens- und für Touristen wie uns liebenswert.


Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Hochparterre, dem Verlag für Architektur, Planung und Design. Der Aufenthalt in der Casa Malussi ermöglichte die Stiftung Ferien im Baudenkmal sowie die Besitzer des Hauses. Der Inhalt des Beitrags liegt in der Verantwortung der Hochparterre-Redaktion.

2017 stürzte am Piz Cengalo Gestein ins Bondascatal und tötete acht Menschen. Murgänge zerstörten Teile von Bondo. Nach der Solidarität galt es, Schutz und Dorfcharakter zu vereinen. Das Team ‹strata› gewann mit einem Gesamtkonzept aus Dämmen, Brücken und Gärten aus Stein, das Schutz und Mehrwert verbindet. Das Themenheft des Hochparterre Verlages erklärt das Projekt und lässt verschiedene Beteiligte zu Wort kommen.